🏗️ Bautagebuch – Teil 4

PRAXISGRÜNDUNG & EINBLICKE

Verena Schönke

12/26/20254 min lesen

Blogtagebuch Teil 4 – Die ersten Möbel

Es gibt diesen Moment im Bauprozess,
in dem sich etwas ganz leise verschiebt.

Nicht, weil alles fertig wäre.
Im Gegenteil.
Sondern weil plötzlich vieles gleichzeitig passiert –
und die Zeit anfängt, lauter mitzudenken.

Wenn Kartons den Ort wechseln

Wochenlang standen sie überall in unserer Wohnung.
An Wänden.
In Ecken.
Neben dem Sofa.
Auf dem Flur.

Unzählige Möbelkartons,
die geduldig gewartet haben.
Wie Besucher mit gepackten Koffern,
die wissen: Wir gehören hier eigentlich nicht her.

Jetzt machen sie sich auf den Weg.
Einer nach dem anderen.
Von der Wohnung in die Praxis.

Während zuhause langsam wieder Platz entsteht,
füllt sich dort ein anderer Ort.
Nicht abgeschlossen.
Nicht ordentlich.
Aber in Bewegung.

Und irgendwo im Hinterkopf läuft eine Zahl mit:
Noch zehn Tage.

Alles passiert gleichzeitig

Während die ersten Möbel ausgepackt werden,
werden anderswo noch Wände errichtet.
Profile gesetzt.
Schrauben versenkt.

In einem Raum trocknet frische Farbe.
Im nächsten wird noch tapeziert.
Und ein paar Schritte weiter
wird wieder neu abgeklebt.

Nichts läuft nacheinander.
Alles greift ineinander.

Ich stehe manchmal mitten drin
und merke, wie mein Blick schneller wird als meine Gedanken.

Noch zehn Tage,
sage ich mir.
Und mein Körper antwortet:
Das ist sehr wenig.

Zwischen Möbelaufbau und innerem Druck

Kartons werden geöffnet.
Folie raschelt.
Teile liegen sortiert auf dem Boden.

Ein Stuhl wird ausgepackt.
Kurz abgestellt.
Dann wieder verrückt.

Nicht, weil er bleiben muss.
Sondern weil man ausprobieren will,
wie es sich anfühlt, hier schon zu sitzen –
während nebenan noch gestrichen wird
und im Kopf eine leise Panik mitläuft.

Leicht Panik, sage ich manchmal.
Aber das ist gelogen.
Leicht ist stark untertrieben.

Ein Tisch wie Lego Technik

Meine Schwiegertochter baute zuerst den elektrisch höhenverstellbaren Schreibtisch auf.
Sie saß davor wie ein geübtes Kind an Weihnachten,
das gerade Lego Technik geschenkt bekommen hat.

Vollkommen versunken.
Konzentriert.
Schraube für Schraube.

Die Anleitung lag offen,
aber sie wurde kaum gebraucht.
Teile wurden sortiert,
Kabel geführt,
Verbindungen geprüft.

Es hatte etwas Spielerisches
und gleichzeitig etwas sehr Souveränes.

In kürzester Zeit stand der Tisch.
Fertig.
Sauber aufgebaut.
Fast ein bisschen unspektakulär –
weil es so selbstverständlich wirkte.

Danach folgte der erste Schreibtischstuhl.

Dann schaute sie kurz auf und fragte:
„Was nun?“

Also baute sie auch noch den Aktenschrank für die Rezeption auf.
Der brauchte am längsten.
Als sie fertig war, schob sie die Schiebetüren prüfend,
und ein kleines bisschen stolz,
von einer Seite auf die andere.

Dann hatte sie sich ihren Feierabend wirklich verdient.

Mein ältester Sohn schleppte währenddessen Material hin und her,
klebte den zukünftigen Raum von Julia sorgfältig ab
und strich die Decke.

Ach ja –
und ich war natürlich auch aktiv. 🙂

Ich habe Kisten mit Therapiematerial verräumt,
um Platz zu schaffen,
damit wir weiterarbeiten können.

Jetzt ist Raum da,
um morgen weiterzumachen.

Wenn Struktur entsteht

Währenddessen läuft im Hintergrund
ein ganz anderer Rhythmus.

Thomas verspachtelte die Rigipswände
und hatte dann gezwungenermaßen erst einmal Baustellenstopp an dieser Stelle,
weil die Spachtelmasse ausging.

Also nutzten wir die Zeit anders
und begannen gemeinsam,
die Rezeption weiterzudenken –
nicht mit einer Wand,
sondern mit der Theke.

Maße wurden genommen.
Positionen geprüft.
Gedanklich aufgebaut,
was später tragen soll.

Keine fertige Konstruktion.
Aber ein Anfang.

Eine Struktur,
die nicht trennt,
sondern empfängt.

Alles passiert gleichzeitig.
Möbel entstehen.
Räume entstehen.
Strukturen greifen ineinander.

Und trotz all der Unruhe
liegt in diesem Miteinander
eine Ruhe,
die mich für einen Moment aus meinem Kopf holt.

Ein Raum hält kurz die Luft an

Es ist still.
Fast.

Nur das Klacken von Metall.
Das Rascheln der Verpackung.
Und irgendwann dieses leise Summen,
als der Tisch zum ersten Mal hochfährt.
Dann wieder runter.

Niemand sagt etwas.
Und genau das fühlt sich richtig an.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Der Druck, den ich gerade spüre,
kommt nicht daher,
dass etwas nicht funktioniert.

Er kommt daher,
dass mir dieser Ort so wichtig ist.

Ich möchte, dass es schön ist.
Nicht dekorativ-schön.
Sondern haltend.

Für die Menschen, die hier ankommen werden.
Für Patienten, die vielleicht angespannt sind.
Für Kinder, die Sicherheit brauchen.
Für Erwachsene, die sich gesehen fühlen möchten.
Und für mein Team,
das hier Tag für Tag arbeiten wird.

Dieser Anspruch sitzt tief.
Und er macht laut.

Lernen, Abstriche zu machen – ohne halbherzig zu werden

Ich merke, dass ich gerade lerne,
etwas Schwieriges auszuhalten:

Nicht alles wird zur Eröffnung perfekt sein.
Nicht jedes Schönheitsdetail wird fertig.
Nicht jede Idee lässt sich jetzt umsetzen.

Ein Teil von mir wehrt sich dagegen.
Weil ich nichts halbherzig machen will.
Weil ich nichts „irgendwie“ lösen möchte,
nur aus dem Gefühl von Zeitdruck heraus.

Aber ein anderer Teil lernt gerade,
dass Verschieben nicht gleich Aufgeben ist.
Dass Qualität manchmal bedeutet,
bewusst zu warten,
statt etwas zu erzwingen.

Die letzten Feinheiten dürfen nach der Eröffnung kommen.
Nicht, weil sie unwichtig sind –
sondern weil sie es verdienen,
mit Ruhe gemacht zu werden.

Ein leiser Dank

Es gibt Dank, den man ausspricht.
Und es gibt Dank, der leise bleibt.

Dieser hier gehört zur zweiten Sorte.

Er richtet sich an Menschen,
die aus unterschiedlichen Richtungen kommen
und sich genau hier treffen.

An Familie,
die selbstverständlich mit anpackt,
weil sie weiß, wie viel Herz in diesem Ort steckt.

An Menschen,
die Teil dieses Teams werden
und schon Verantwortung tragen,
bevor der erste Arbeitstag beginnt.

Nicht, weil sie mir Verantwortung abnehmen.
Sondern weil sie mitgehen,
während ich sie trage.

An Hände, die schrauben,
während nebenan noch gestrichen wird.
An Menschen, die Kartons tragen,
ohne zu fragen, ob es gerade passt.
An Blicke, die sagen: Wir gehen diesen Weg gemeinsam.

Ich sage nicht jedes Mal etwas.
Aber ich spüre es.
Und ich trage es mit.

Denn ohne dieses Mitgehen
wäre diese Phase kaum auszuhalten.

Noch nicht fertig. Aber mittendrin.

Zwischen Staub, Panik und Zeitdruck
entstehen auch Dinge,
die nichts müssen.

Und vielleicht ist genau das das Schönste an dieser Phase:

Dass hier nicht nur gebaut wird.
Sondern ein Ort entsteht,
der fühlen darf.

Für alle.
Von Anfang an.
Und Schritt für Schritt weiter. 🤍