Julias Fortbildungswochenende zur RIT®-Reflexintegration

FORTBILDUNGEN

Verena Schönke

9/4/20266 min lesen

Julias Fortbildungswochenende zur RIT®-Reflexintegration in Bonn

Neue Orte, neue Begegnungen und ganz viel neues Wissen: Für unsere Ergotherapeutin Julia ging es Ende August für drei intensive Fortbildungstage nach Bonn. Im Gepäck waren vor allem Neugier, Offenheit und die Freude daran, die eigene therapeutische Perspektive weiterzuentwickeln.

Vom 28. bis 30. August 2026 nahm Julia am Grundlagenseminar „RIT® Reflexintegrationstechniken I“ teil. Im Mittelpunkt standen frühkindliche Reflexe, sensomotorische Entwicklungsprozesse und verschiedene Bewegungsmuster, die für die körperliche Entwicklung eines Kindes von Bedeutung sein können.

Für Julia bedeutete dieses Wochenende nicht nur viele neue fachliche Informationen, sondern auch praktische Erfahrungen, interessante Denkanstöße und die Gelegenheit, bereits vorhandenes ergotherapeutisches Wissen aus einer zusätzlichen Perspektive zu betrachten.

Und natürlich waren wir in Wuppertal schon sehr gespannt darauf, welche Eindrücke und Ideen sie anschließend mit in unsere Praxis bringen würde.

Was sind frühkindliche Reflexe?

Frühkindliche Reflexe sind automatische und zunächst unwillkürliche Bewegungsreaktionen, die bereits vor oder kurz nach der Geburt vorhanden sind. Sie erfüllen insbesondere während der Schwangerschaft, der Geburt und in den ersten Lebensmonaten wichtige Aufgaben.

Diese frühen Bewegungsmuster unterstützen das Kind unter anderem bei grundlegenden Schutz-, Haltungs- und Bewegungsreaktionen. Im weiteren Verlauf der Entwicklung reift das Nervensystem zunehmend. Reflexhaft ausgelöste Bewegungen werden nach und nach gehemmt oder durch immer differenziertere, willentlich gesteuerte Bewegungsabläufe überlagert.

Das Kind entwickelt dadurch mehr Kontrolle über seinen Körper. Es lernt beispielsweise, Bewegungen gezielter zu planen, das Gleichgewicht anzupassen, beide Körperseiten koordiniert einzusetzen und auf unterschiedliche Anforderungen seiner Umwelt zu reagieren.

Dieser Entwicklungsprozess verläuft bei jedem Kind individuell. Manche frühkindlichen Bewegungsmuster können über den üblichen Entwicklungszeitraum hinaus in unterschiedlicher Ausprägung beobachtbar bleiben. In der therapeutischen Betrachtung können solche Beobachtungen ein möglicher Baustein sein, um Haltung, Bewegung und Körperkoordination eines Kindes differenzierter zu verstehen.

Sie stellen für sich allein jedoch keine Diagnose dar und erklären nicht automatisch Schwierigkeiten in den Bereichen Motorik, Aufmerksamkeit, Lernen oder Verhalten.

Welche Inhalte wurden in der Fortbildung vermittelt?

Das dreitägige Grundlagenseminar verband theoretische Inhalte mit zahlreichen praktischen Übungen. Julia beschäftigte sich zunächst mit den neurobiologischen Grundlagen frühkindlicher Reflexe und deren Bedeutung innerhalb der sensomotorischen Entwicklung.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Beobachtung verschiedener Haltungs- und Bewegungsmuster. Dabei wurde vermittelt, woran sich Hinweise auf noch aktive frühkindliche Reflexmuster zeigen können und welche Bewegungsübungen innerhalb des RIT®-Konzeptes eingesetzt werden.

Im Seminar wurden unter anderem folgende Reflexe und Bewegungsmuster thematisiert:

  • Furcht-Lähmungsreflex

  • Moro-Reflex

  • Landau-Reflex

  • Tonischer Labyrinthreflex

  • Symmetrisch-Tonischer Nackenreflex

  • Spinaler Galantreflex

  • Amphibienreflex

  • Babinski-Reflex

Neben dem theoretischen Wissen spielte die praktische Selbsterfahrung eine wichtige Rolle. Die Teilnehmenden führten verschiedene Bewegungsabläufe selbst durch, beobachteten deren Ausführung und beschäftigten sich mit Möglichkeiten der individuellen Anpassung.

Gerade diese Verbindung von Theorie und Praxis ist für den therapeutischen Alltag besonders wertvoll. Bewegungsabläufe lassen sich wesentlich besser verstehen und anleiten, wenn sie nicht nur beschrieben, sondern auch selbst erfahren und fachlich reflektiert wurden.

Was hat Reflexintegration mit Ergotherapie zu tun?

Ergotherapie richtet ihren Blick auf die Handlungsfähigkeit eines Menschen im Alltag. Bei Kindern kann es beispielsweise darum gehen, sich zunehmend selbstständig anzuziehen, sicher mit Schere und Stift umzugehen, beim Spielen Bewegungen besser zu planen oder schulische Aufgaben mit weniger Anstrengung zu bewältigen.

Auch das Halten einer stabilen Sitzposition, das Überqueren der Körpermitte, das Zusammenspiel beider Hände und die angemessene Dosierung von Kraft können im Alltag eines Kindes eine wichtige Rolle spielen.

Damit solche Tätigkeiten gelingen, müssen viele Fähigkeiten zusammenspielen. Dazu gehören unter anderem:

  • Körper- und Eigenwahrnehmung

  • Gleichgewicht und Haltungskontrolle

  • Grob- und Feinmotorik

  • Koordination beider Körperseiten

  • Hand-Auge-Koordination

  • Planung und Steuerung von Bewegungsabläufen

  • angemessene Regulation von Aktivität und Anspannung

  • Ausdauer und Aufmerksamkeit bei alltäglichen Aufgaben

Die Inhalte der Fortbildung können Julia dabei helfen, Bewegungs- und Haltungsmuster noch genauer wahrzunehmen und bestehende Beobachtungen um eine weitere fachliche Perspektive zu ergänzen.

Dabei betrachten wir ein Kind niemals nur unter dem Blickwinkel einzelner Reflexe. Entscheidend ist immer das Gesamtbild: Welche Stärken bringt das Kind mit? Welche Tätigkeiten fallen ihm schwer? In welchen Situationen treten Schwierigkeiten auf? Welche körperlichen, emotionalen, kognitiven oder umweltbezogenen Faktoren könnten daran beteiligt sein? Und welches Ziel ist für das Kind und seine Familie im Alltag wirklich bedeutsam?

Ein zusätzlicher Blickwinkel – kein vorschnelles Erklärungsmodell

Konzentrationsschwierigkeiten, motorische Unruhe, Unsicherheiten in der Körperkoordination, eine verkrampfte Stifthaltung oder Probleme beim Lesen und Schreiben können sehr unterschiedliche Ursachen haben.

Keines dieser Merkmale lässt automatisch darauf schließen, dass ein bestimmter frühkindlicher Reflex noch aktiv ist. Ebenso wenig können komplexe Entwicklungs-, Lern- oder Verhaltensauffälligkeiten allein durch ein reflexbezogenes Erklärungsmodell erfasst werden.

Deshalb verstehen wir die Inhalte der Fortbildung als einen zusätzlichen Blickwinkel innerhalb einer umfassenden therapeutischen Betrachtung. Beobachtungen zu frühkindlichen Reflexmustern werden immer gemeinsam mit der individuellen Entwicklungsgeschichte, der ergotherapeutischen Befunderhebung, den konkreten Alltagsschwierigkeiten und den vereinbarten Therapiezielen eingeordnet.

Auch bei einem reflexbezogenen Vorgehen bleibt unser übergeordnetes Ziel die Verbesserung der Handlungsfähigkeit und Teilhabe im Alltag. Eine Veränderung einzelner Bewegungsmuster ist für uns kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob sich daraus ein nachvollziehbarer Nutzen für das Kind ergibt – beispielsweise mehr Sicherheit bei Bewegungsabläufen, eine stabilere Haltung oder eine leichtere Bewältigung alltäglicher Aufgaben.

Reflexintegration ersetzt weder eine notwendige ärztliche Diagnostik noch eine medizinische, psychologische, pädagogische, logopädische oder ergotherapeutische Behandlung. Sie kann vielmehr eine ergänzende Perspektive darstellen, wenn sie fachlich begründet, individuell angepasst und mit konkreten Alltagszielen verbunden wird.

Wie geht es nach der Fortbildung weiter?

Mit der Teilnahme am Grundlagenseminar ist für uns nicht einfach ein weiteres Thema „abgehakt“. Im Gegenteil: Nun beginnt die gemeinsame fachliche Auseinandersetzung mit den vermittelten Inhalten.

Julia und ich werden ihre Eindrücke und Überlegungen miteinander besprechen und sorgfältig prüfen, welche Bestandteile zu unserer therapeutischen Haltung und zur Arbeit unserer Praxis passen. Dabei geht es sowohl um die mögliche Einbindung einzelner Beobachtungs- und Bewegungsansätze in die bestehende ergotherapeutische Behandlung als auch um die Frage, ob sich daraus zu einem späteren Zeitpunkt ein eigenständig konzipiertes Zusatzangebot entwickeln könnte.

Ob und in welcher Form ein solches Angebot entsteht, ist derzeit noch offen. Vor einer Entscheidung möchten wir unter anderem klären:

  • Für welche Kinder und Zielsetzungen könnte das Angebot geeignet sein?

  • Welche Voraussetzungen sollten vor Beginn erfüllt sein?

  • Wie lässt es sich sinnvoll von der regulären ergotherapeutischen Behandlung abgrenzen?

  • Wie können mögliche Fortschritte nachvollziehbar und alltagsbezogen erfasst werden?

  • Welcher zeitliche und organisatorische Rahmen wäre für Kinder und Familien sinnvoll?

  • Welche fachlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen sind zu berücksichtigen?

  • Welche weiterführenden Qualifikationen wären für eine verantwortungsvolle Umsetzung sinnvoll?

Wir möchten nichts vorschnell ankündigen, das noch nicht vollständig durchdacht ist. Gleichzeitig möchten wir uns die Möglichkeit offenhalten, aus den neuen Erkenntnissen ein ergänzendes und möglicherweise eigenständig buchbares Angebot zu entwickeln.

Sollten wir uns dafür entscheiden, werden wir das Konzept zunächst fachlich und organisatorisch sorgfältig ausarbeiten. Anschließend werden wir transparent darüber informieren, für wen das Angebot gedacht ist, welche Ziele damit verbunden werden können und wo seine Grenzen liegen.

Neue Impulse für unser gesamtes Team

Fortbildungen entfalten ihren besonderen Wert dann, wenn das neue Wissen nicht nur bei einer einzelnen Person bleibt. Deshalb werden Julias Erfahrungen auch in den fachlichen Austausch innerhalb unseres Teams einfließen.

Als Praxis für Logopädie und Ergotherapie ist uns der interdisziplinäre Blick besonders wichtig. Kindliche Entwicklung lässt sich nicht immer eindeutig in einzelne Fachbereiche aufteilen. Bewegung, Wahrnehmung, Sprache, Aufmerksamkeit, emotionale Regulation, Lernen und soziale Interaktion können sich gegenseitig beeinflussen.

Das bedeutet nicht, dass fachliche Grenzen verschwimmen sollen. Vielmehr möchten wir die jeweiligen Kompetenzen bewusst miteinander verbinden: Jede Therapeutin arbeitet innerhalb ihres eigenen Fachbereichs, gleichzeitig tauschen wir relevante Beobachtungen aus und entwickeln bei Bedarf gemeinsame Perspektiven auf die Bedürfnisse eines Kindes.

Neue Fortbildungsinhalte geben uns dabei immer wieder Anlass, bekannte Zusammenhänge neu zu betrachten, Fragen zu stellen und unser therapeutisches Vorgehen weiterzuentwickeln.

Fortbildung bedeutet für uns mehr als ein Zertifikat

Natürlich freuen wir uns über jede neue Teilnahmebescheinigung. Aber noch viel wichtiger ist uns das, was sich nicht einfach an die Wand hängen lässt: neue Gedanken, eine geschärfte Beobachtung, fachliche Gespräche und die Bereitschaft, das eigene therapeutische Handeln immer wieder zu hinterfragen.

Qualität bedeutet für uns nicht, jede neue Methode sofort zu übernehmen. Sie bedeutet, offen zu bleiben, Wissen sorgfältig zu prüfen und anschließend bewusst zu entscheiden, was zu unseren Patientinnen und Patienten, zu unserem Team und zu unserer therapeutischen Haltung passt.

Und genau deshalb freuen wir uns so sehr über Julias Fortbildungswochenende in Bonn.

Liebe Julia, wie schön, dass du deine Neugier, dein Engagement und dein neues Wissen mit zu uns nach Wuppertal bringst. Wir freuen uns auf deine Eindrücke, auf viele spannende Gespräche und darauf, gemeinsam herauszufinden, welche Ideen ihren Weg in unseren Praxisalltag finden werden.

Denn manchmal beginnt Weiterentwicklung genau so: mit einer Reise, vielen neuen Gedanken und einem Team, das sich schon darauf freut, alles gemeinsam weiterzudenken.

Schön, dass du bei uns bist, liebe Julia. Du bringst Wissen mit, das bewegt – im wahrsten Sinne des Wortes. 💜

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